Jun 202012
 

“Ein Kleid in meiner Fantasie”

“Wenn ich 1000 Kimonos sehe, dann bekomm’ ich erst mal einen Schreck”, ein kreativer Schreck, der die Phantasie der Kostümbildnerin, Marion Cito, in Gang setzt.  “Eine Inspiration, ein Kleid in meiner Fantasie, das kann ich nicht erklären. Man baut sich keinen Chinesen auf, sondern eine Figur entwickelt sich.” Die Kleider, die sie dann für die Koproduktion in Hongkong kreiert, sind keine Eins zu Eins-Übersetzung von Kimonos, sondern eine Überhöhung, Ausdruck für sinnliches Erleben. “Es braucht mir nur dazu gefallen; es spielt keine Rolle, ob das Kleid in der Türkei oder in China spielt”, sagt die Kostümbildnerin, die die Kostüme nicht nur entwirft, sondern in einem kreativen Prozess entwickelt. Nachdem sie 1980 die Ausstattung der Wuppertaler Tänzer übernahm, machte sie es sich zu eigen, von Anfang an bei den Recherchereisen ebenso wie bei allen Proben dabei zu sein. “Die Kleider sind dazu da, die Bewegungen der Tänzer zu unterstreichen, bei jedem Stück, überall auf der Welt.”

‘A dress in my head’

 ‘When I see 1,000 kimonos I get a shock,’ says costume designer Marion Cito – a creative shock which ignites her imagination. ‘An inspiration, a dress in my head; it’s hard to explain. You don’t construct a Chinese person; a figure develops. The dresses she created for the co-production in Hong Kong are not direct renderings of kimonos, more of an enhancement, the expression of a sensual experience. ‘It just has to appeal to me; it makes no difference if a dress appears in Turkey or China,’ Marion Cito says. She does not design costumes; she develops them through a creative process. After taking over as costume designer for the Wuppertal dancers in 1980 she made it her business to participate in all the research trips and rehearsals. ‘The costumes are there to emphasise the dancers’ movements, in each piece, all over the world.’

Funkeln im Alltag

“Ihre Kleider bringen uns zum funkeln”, sagt Tänzerin Julie Anne Stanzak. Die Tänzer treten in schillernden Abendkleidern auf, selbst wenn sie auf der Bühne ein Abendessen zubereiten, über Felsen springen oder durch einen reißenden Fluss schwimmen. “Marion will uns schön machen, wie Saphire, Rubine und Edelsteine.” Mit Abendkleidern getragen wie Alltagskleider, von Menschen, die nicht nur tanzen, sondern eine Sehnsucht verkörpern. Wind und Wetter, Kampf und Streit erprobt; Marion Cito kennt die Tricks, damit das Tanzkleid nicht rutscht, sie sollen aber ein Geheimnis bleiben. Ihre Stoffe kauft sie überall auf der Welt, auch viele in Wuppertal, und überlegt später, welche Muster und Farben zu welcher Produktion und welcher Tänzerin passen. “Auch die Stoffsuche ist etwas Intimes”, darüber kann sie nicht sprechen, nur so viel: indische Seidenstoffe liebt sie sehr. Dabei zeigt sie eine traumwandlerische Fähigkeit, mit ihrer Auswahl von Farben, Mustern und Material die Persönlichkeit der jeweiligen Tänzerin zu erfassen.

Everyday sparkling

‘Her dresses make us sparkle,’ says dancer Julie Ann Stanzak. The dancers appear in shimmering evening dresses, even when on stage they are preparing supper, leaping over rocks or swimming through a raging torrent. ‘Marion wants to make us beautiful, like sapphires or rubies, precious stones,’ with evening wear worn like everyday clothes, by people who do not only dance; they embody a certain desire. Tested in all winds and weathers, in combat and conflict, Marion Cito knows the tricks to ensure that a dancing dress never slips, but that is her secret. She buys her fabrics all over the world, including Wuppertal itself, and considers only later which patterns are right for which production and which dancer. ‘The search for fabrics is also something very intimate.’ She is unable to say more except that she really loves Indian silks. She certainly demonstrates an intuitive ability to capture the personality of each dancer with her choice of colours, patterns and materials.

Nicht hässlich, aber schön

 “Durch die besondere Schnittgestaltung wird erreicht, dass das Material zum einen die Figur umschmeichelt und zum anderen Silhouetten entstehen, die wie in Öl gegossen anmuten”, erklärt Petra Leidner, die Gewandmeisterin der Wuppertaler Bühnen, die die Vorstellungen der Kostümbildnerin an Büsten ausarbeitet. Einmal, erzählt sie, habe sie bei der Anprobe eines Synthetiktafts mit beiden Händen an den Saum gefasst, um den Rock glattzuziehen. Zuerst Richtung Decke, dann Richtung Boden. Dadurch sammelte sich Luft unter dem Kleid, das sich  richtig aufblähte. “Das war so schön und wirkte beim Gehen als würde die Tänzerin über den Boden schweben.” Zart und elegant. Dass dieser Anprobenzufall  auf der Bühne eingebaut wurde, machte die Gewandmeisterin glücklich. So glücklich, wie wenn Marion Cito ihre Entwürfe mit einem Lachen und dem Satz kommentiert: “Au warte, ist aber hässlich, was wir uns ausgedacht haben.”

Not hideous, but beautiful

‘The very special tailoring ensures that the material swirls around the figure, and that silhouettes like patterns made with oil are created,’ says Petra Leidner, wardrobe manager for the Wuppertal theatres, who realises Mario Cito’s concepts using busts. Once, she says, while trying out a dress with a type of synthetic taffeta, she took hold of the skirt with both hands by the seam to smooth it out – first downwards, then upwards. This made air collect inside the dress and it inflated. ‘It was so beautiful, and when the dancer walked, it was as if she was gliding above the ground.’ Gentle and elegant. She was delighted when this chance discovery, made during tests, was incorporated into the performance. Just as happy as when Marion Cito appraises her designs with a laugh and the comment, ‘my God, what have we done? It’s hideous!’

translated by Steph Morris

Research in Japan, Saitama, 2003

Research in Japan, Saitama 2003

Research in India, Kerala 2006

Research in India, Kerala 2006
All Fotos  Robert Sturm, copyright protected