Ein Wal auf der Bühne
Whale-Watching stand auf dem Recherche-Programm zum Stück “Ten-Chi” in Japan. Tänzer, Bühnenbildner, Kostümbildnerin, Musikexperten alle warteten gespannt auf den Gesang der Wale, aber denen war an diesem Tag nicht nach Singen zumute. Kein einziger Wal im Wasser. “Deshalb muss Bühnenbildner Peter Pabst wohl entschieden haben, einen Wal auf der Bühne erscheinen zu lassen”, mutmaßt die japanische Talkmasterin und Autorin Eriko Kusuta, die bei der Recherche dabei war. Aber “so einfach ist es auch nicht. Wir haben ja nicht dokumentiert auf der Bühne und Bühnenbilder sollten auch nicht nur abbilden, wo wir waren.” Keine Ansichtskarte von Japan also, trotzdem erwarten manche Zuschauer oder auch Koproduzenten genau das.
“Schon bei der ersten Zusammenarbeit mit der Stadt Rom – das wurde dann VIKTOR – gab es Enttäuschungen, weil mancher abgebrochene Säulen auf der Bühne erwartet hatte”, sagt der Bühnenbildner. Stattdessen wird bei jeder Vorstellung stundenlang Erde von oben herunter geschaufelt. Und es bleibt völlig offen, ob eine Grube gegraben oder ein Loch gefüllt wird, ob Himmel und Hölle oben oder unten sind, oder ob beide von der Erde ein wenig durcheinander gewirbelt werden.
A whale on stage
The research programme for Ten Chi in Japan included whale watching. The dancers and music experts, set and costume designers, were all waiting on tenterhooks for the whales to sing, but they weren’t in the mood that day. Not a whale in the water. ‘Which is probably why set designer Peter Pabst decided a whale should appear on stage,’ says Japanese talk show host and writer Eriko Kusuta who was present during the research.
But, Peter Pabst says, ‘it isn’t quite that simple. Our stage work has never consisted of documentation, and the stage sets were never intended to depict the places we visited.’ So no picture postcards of Japan – although this is just what some theatre-goers and co-producers expect. ‘Right from the first collaboration with the city of Rome – the piece which later became Viktor – some people were disappointed not to see ruined columns on the stage.’ Instead soil is shovelled down from above for hours during each performance, and it remains unclear whether a trench is being dug or a hole filled, whether heaven and hell are above or below or whether both have been stirred up a little by the soil.
“Ich weiß immer erst hinterher, dass ich eine Idee gehabt habe”
Eine konkrete Idee für ein Bühnenbild? Fehlanzeige wie bei anderen kreativen Köpfen auch. Nachdem er ein Bühnenbild für eine Produktion zugesagt habe, erzählt Peter Pabst, lege er den Telefonhörer meistens schweißgebadet auf. Weil er selten vor Probenbeginn eine genaue Vorstellung davon hat, wie das Bühnenbild später aussehen könnte. Das ergibt sich oft erst im Laufe der Proben, manchmal auch erst kurz vor der Premiere. “Ich weiß immer erst hinterher, dass ich eine Idee gehabt habe.” Aber “…die Eindrücke, die ich in Japan, Indien oder Brasilien erlebt habe, die Bilder oder Landschaften, die ich dort gesehen habe, üben einen großen Einfluss aus. Zwischen sehen und erleben und dem, was dann auf der Bühne entsteht, (…) das kann dann ein ganz anderes Bild werden.” Auf der Bühne findet eine Form der Verdichtung, eine künstlerische Transformation statt. Das erfordert Mut, Erfahrung, kreatives Können und Empathie. “Die Wale hatten mich schon lange vorher beschäftigt”, sagte Peter Pabst zur Idee mit den Walen auf der Bühne in “Peter für Pina”. “Ich mochte die aber so…“
‘I only realise I have had an idea afterwards’
A concrete idea for a stage set? Does not compute: the reaction of most other creative individuals too. Peter Pabst is often drenched in sweat when he puts the phone down after agreeing do set design for a production, because he rarely has a precise notion of what the set will finally look like before rehearsals have begun; it first evolves during rehearsals, sometimes only just before the premiere. ‘I only realise I have had an idea afterwards.’ But, ‘the experiences I have made in Japan, India or Brazil, the images and landscapes I have seen there, exert a huge influence on me. Between seeing and experiencing, and what is later created on the stage… it can take on a very different appearance.’ On the stage a form of intensification occurs, an artistic transformation. This demands courage, experience, creative ability and empathy. ‘The whales had been preoccupying me for a long time already,’ Peter Pabst says in Peter for Pina on his idea to put the whales on stage. ‘I just liked them.’
Bild und Bühne – oder: die Unberührbaren
„Pina und ihre Kompanie erforschen unablässig innere Landschaften, das erfordert viel Mut und eine große Ehrlichkeit. Peters Bühnenbilder beziehen sich auf die äußere Welt, sowohl auf die architektonische Umwelt als auch auf die Natur, wo sich diese Erforschungen dann in unbekannten Territorien entfalten“ sagt Michael Morris, der Leiter von Cultural Industries, „und es ist unmöglich sich vorzustellen, was zwischen den Tänzern passiert, wenn sie sich im Bühnenbild bewegen, wenn sie mit dem Bühnenbild konfrontiert werden.“ “Spielzeug für die Tänzer” nennt der Peter Pabst seine Bilder, die er für das Wuppertaler Tanztheater seit 30 Jahren findet und erfindet. Dass Techniker, Requisiteure, Gewerkschaft, Personalrat, Hochbau- und Tiefbauamt von diesem “Spielzeug” nicht immer begeistert waren, konnte ihn nie davon abgehalten, Regen- oder Schneestürme über die Bühne fegen zu lassen und sogar eine Mauer zum Einsturz zu bringen. “Mein lieber Mann, hat mir das Herz geklopft.”
Die Bühne als zur Realität gewordenes Bild eines Traums? Und damit kein Traum mehr, sondern fassbare, anfassbare und sogar “harte” Realität. Denn oft stellt sie große Anforderungen an die Technische Leitung und ihre Mitarbeiter. “Das erlaubt keinerlei Fehler bei der Einrichtung und erfordert eine supergenaue Logistik.” Mit zehn unterschiedlichen Bühnenbildern in kurzer zeitlicher Abfolge wie in London erst recht. “Verrückt” wie Pina Bausch ursprünglich die Idee für “Worldcities” bezeichnete. “Verrückt” wie die einstürzende Mauer und ein Wal, der aus dem Bühnenhimmel auf die Tänzer herunter schwebt. Oder ein Wal, der in die unergründlichen Tiefen des Bühnenbodens, des Unbewussten, der Gefühle und Erinnerungen abtaucht. “Bei den Walen ist mir irgendwann – nicht von Anfang an – klar geworden, dass sie “Unberührbare” sind. Und es hat mich erfreut, dass die Tänzer sie nicht anfassten.” Unfasslich.
Stage and design – or: the untouchable
‘Pina and the company ceaselessly explore their inner landscapes with bravery and honesty. Peter’s stage designs stunningly evoke the external world, both architectural and “natural” environments, where these explorations into uncharted territory unfold,’ says Michael Morris, head of Cultural Industry, ‘It is impossible to imagine what happens between the dancers taking place anywhere else: a true marriage of form and content.’
Peter Pabst calls his sets ‘toys for dancers’; he has been creating them for over thirty years. The fact that he was not always able to impress technicians, prop masters, trade unions, staff councils and health-and-safety authorities with these ‘toys’ did not stop him making rain showers and snow storms sweep across the stage, or making a wall collapse. ‘My heart was beating like the clappers!’
The stage as the image of a dream turned real? And no longer a dream but intelligible, tangible and even ‘hard’ reality; the sets often pose huge challenges to the technical department and its staff. ‘No mistakes of any kind can be made during construction; very precise co-ordination is needed.’ All the more so if ten different stage sets are to be built in quick succession, as here in London: ‘mad’, as Pina Bausch originally described the idea for World Cities; ‘mad’ as a collapsing wall or a whale which floats down over the dancers from above the stage. Or a whale which submerges into the bottomless depths of the stage, of unconsciousness, of feelings and memories. ‘At some point with the whales I realised – but not straight away – that they were “untouchable”. And I was pleased that the dancers didn’t touch them.’ Unfathomable.
Translated by Steph Morris

Indien Research 2006, Stage Designer Peter Pabst in Kerala















